Zurück
Carnuntum
Das Legionslager der Legio XV Apollinaris

Die Siedlung Carnuntum liegt direkt an der Donau (Limes) und ist vorrömischen Ursprunges. Die Silbe "Car" deutet auf steiniges bzw. felsiges Gelände hin, was leicht zu erklären ist, liegt doch Carnuntum in unmittelbarer Nähe des Durchbruches der Donau durch die Karpaten. Das vorrömische Carnuntum - der genaue Standort ist bis heute ungeklärt - gehörte zum keltischen Königreich Noricum. Die erste römische Erwähnung Carnuntums erfolgte im Jahre 6 n.Chr. durch den Historiker Velleius Paterculus, als der römische Oberkommandierende (und spätere Kaiser) Tiberius an diesem strategisch wichtigen Punkt, wo die Bernsteinstraße die Donau kreuzte, im Feldzug gegen die Markomannen das Basislager errichten ließ.
"Eine kluge Verfassung machte jede der zahllosen neugegründeten Städte, und lag sie noch so fernab von der Metropole und noch so tief in nichtitalischen Bereich, in Lebensform und Architektur zu einem Rom im Kleinen, gab ihr die Selbstverwaltung und das Bewußtsein von ihrer Sendung, nämlich Chaos und Unsicherheit zu beenden und Zivilisation und Kultur anzubahnen...Eine dieser Städte war Carnuntum, und es genügt ein Gang durch das Ausgrabungsgelände, um zu erkennen, daß es seine Aufgabe inmitten eines ursprünglich barbarischen Distriktes getreulich erfüllt hat."
(Univ. Prof. Dr. Erich Swoboda, ehem. Ausgrabungsleiter Carnuntum) [1]
Die ständige Anwesenheit der Römer in Carnuntum kann erst ab den Jahren 39 - 40 n.Chr nachgewiesen werden. In dieser Zeit errichtete die Legio XV Apollinaris im Raum Carnuntum (zwischen Bad Deutsch - Altenburg und Petronell) ihr befestigtes Standlager, welches unter Kaiser Vespasian in Stein ausgebaut wurde. Der viereckige Grundriss des Legionslagers umfasst ca. 490 x 334-391 m. Das Lager war von einem Doppelgraben mit 9,3 (äußerer Graben) und 4,2 m (innerer Graben) umgeben[2]. Im Schnittpunkt der beiden Hauptstraßenachsen (Via Principalis und Via Praetoria) erstreckte sich mit 60 x 90 m das dem Forum einer Zivilstadt ähnelnde zentrale Verwaltungsgebäute (Principia). In Mitten des Gebäudes gelegen befand sich das Fahnenheiligtum (Aacellum), der heilige Ort in dem die Feldzeichen der Legion aufbewahrt wurden. Südlich von der Principia lag das Praetorium, das Quartier des Legionskommandanten. Im Westen des Praetorium befand sich das 77 x 83 m große Lazarett (Valetudinarium) des Lagers. Der Hauptteil der Anlage wurde logischerweise von den Kasernen der zehn Cohorten eingenommen, wobei der Platz der ersten Cohorte vermutlich der Kasernenblock östlich der Principia war. [3]

Zur Vergrößerung bitte die Bilder anklicken!
Grundplan des Legionslagers von Carnuntum [4]
1 = Kasernen
2 = Offiziershäuser
3 = Via Principalis
4 = Principia
5 = Lazarett
6 = Praetorium
7 = Werkstätten
8 = Magazin
9 = Lagergraben

Mit dem Bau des Standlagers beginnt der systematische militärische Ausbau des Grenzabschnittes an der mittleren Donau, der bis in die erste Hälfte des 2. Jhdts. n.Chr andauerte und dessen wichtigste Anlage das Carnuntiner Legionslager darstellte. Neben dem Legionslager verfügte Carnuntum ab ca. 70 n.Chr. auch über ein Auxiliarlager (Reiter und Infanterie der Hilfstruppen). Weiters bildete das Legionslager die Keimzelle der römischen Stadt Carnuntums, denn die ständige militärische Präsenz war die Voraussetzung für die Entwicklung der Hauptstadt der Provinz Oberpannonien (Pannonia Superior) und Sitz des Provinzstatthalters zu einer der wichtigsten römischen Städte nördlich der Alpen. In seiner Blütezeit erstreckte sich Carnuntum - am Schnittpunkt zwischen Bernsteinstraße und Limesstraße gelegen - über rund 10 Quadratkilometer und hatte mindestens 50 000 Einwohner.

Grundplan des Amphitheaters der Zivilstadt [5]
NT = Nordtor
ST = Südtor
Z = Zwinger (Carcer)
WT = Treppenturm
T = Innere Treppen
L = Logen

Carnuntum besaß zwei Amphitheater. Das Lageramphitheater, wie der Name schon sagt liegt unweit des Legionslagers und hat ein Fassungsvermögen von in etwa 8000 Zuschauern. Das erheblich größere Theater wurde inmitten der Zivilstadt in der Zeit von 118 - 167 n.Chr. erbaut und bot gut 13000 Besuchern Platz. Die Ausdehnungen des Theaters sind etwas über 68 m in der Länge, exakt 53 m in der Breite und aufgrund der Tiefe des Zuschauerraumes geschätzte 18 m in der Höhe. Das erst vor einigen Jahren entdeckte Forum der Zivilstadt hatte mit einer Fläche von mehr als 10 000 Quadratmetern deutlich größere Abmessungen als z.Bspl. jenes von Pompeji. Zwischen 81 und 86 n.Chr. besuchte mit einiger Wahrscheinlichkeit, Grabsteinfunden zufolge, Kaiser Domitianus zweimal Carnuntum. So zeigt auch der Aufenthalt mehrerer römischer Kaiser die besondere Bedeutung Carnuntums.
In der Regierungszeit Kaiser Hadrians (124 n.Chr.) wird Carnuntum, womöglich im Zuge einer Inspektionsreise durch die Donauprovinzen, zu einer autonomen Stadt im Range eines Municipiums erhoben (Municipium Aelium Carnuntum). Im Jahr 114 n.Chr. verlässt die Legio XV Apollinaris für immer Carnuntum - um an Kaiser Traians Feldzüge gegen die Parther teilzunehmen - in Richtung Cappadocien (Möglicherweise wurde einige Jahre zuvor bereits eine Vorausabteilung der Legio XV nach Satala verlegt). Ihre Nachfolge tritt die Legio XIV Gemina an.
In den Jahren 172 - 180 (?) n.Chr. ist Carnuntum - mit Unterbrechungen - das Hauptquartier von Kaiser Marcus Aurelius im Kampf gegen die Germanen (Markomannen, Quaden, Sarmaten). Der so genannte Philosoph auf dem Kaiserthron schreibt in dieser Zeit seine "Selbstbetrachtungen". Nach der Ermordung von Kaiser Commodus wird im Legionslager am 9. April 193 n.Chr. der damalige Statthalter der Provinz Oberpannonien - der aus Afrika (Leptis Magna) stammende Septimius Severus - von den in Carnuntum stationierten Einheiten zum Kaiser ausgerufen. Nach den unruhigen Jahren der Markomannenkriege verdankt ihm Carnuntum einen großen wirtschaftlichen und städtebaulichen Aufschwung. Bald nach seinem Amtsantritt erhob Septimius Severus die Zivilstadt in den Rang einer Kolonie, Carnuntum trug nun den Namen Colonia Septimia Aurelia Antoniniana Carnuntum.
Spätere wichtige Vorkommnisse: Der bekannte römische Geschichtsschreiber Cassius Dio residierte von 226 - 228 n.Chr als Stadthalter in Carnuntum. Publius C. Regalianus wird 260 - 261 n.Chr. von den Truppen zum Kaiser ausgerufen. Die von ihm geprägten Münzen finden sich nur in Carnuntum. Am 11. November 308 n.Chr. beruft Kaiser Diocletianus in Carnuntum eine Kaiserkonferenz ein. Die durch ein Erdbeben Mitte des 4. Jhdts. n.Chr. erlittenen Schäden werden unter dem von Carnuntum aus gegen die germanischen Quaden kämpfenden Kaiser Valentinian I. (364 - 375 n.Chr.) wieder behoben. Die Wiederaufbautätigkeit konzentrierte sich aber hauptsächlich auf militärische Anlagen, denn große Teile des zivilen Siedlungsgebietes wurden bereits damals aufgegeben. Ab 400 n.Chr. beginnt dann der endgültige Abzug der Römer aus Carnuntum. Die Provinz Pannonien wird ca. um 430 n.Chr. von Rom aufgegeben. Letztmalige Nennung Carnuntums im römischen Amtsschematismus (Notitia Dignitatum).

Die Legio XV Apollinaris vor dem rekonstruierten Dianatempel in Carnuntum (2002)

In Carnuntum stationierte Legionen [6]
Legionen Aufenthalt
Legio XV Apollinaris 39 - 63 n.Chr.
Legio X Gemina 63 - 68 n.Chr.
Legio VII Gemina
Legio XIV Gemina
Vex. Legio XXII Primigenia*
68 - 71 n.Chr.
Legio XV Apollinaris 71 - 114 n.Chr.
Legio XIV Gemina 114 - Abzug der Römer
* Aufenthalt nicht gesichert

[1] Weninger 1973, 11. Die Römer an der Donau - Noricum und Pannonien.
[2] Kubitschek und Frankfurter 1923, 143-144. Führer durch Carnuntum.
[3] Vgl. http://members.aon.at/ch.gugl/carleg_02.htm.
[4] Beckel und Harl 1983, Abb. 52. Archäologie in Österreich.
[5] Miltner 1949, Abb. 5. Das zweite Amphitheater von Carnuntum; Siehe auch 12-22.
[6] Jobst 1992, 152. Carnuntum I - Das Erbe Roms an der Donau.


TOP

©2009 by legioxv.org